Glaube oder Unglaube
jahreslosung-2020

Gedanken zur Jahreslosung von Dekan Hermann Köhler

Ich glaube, hilf meinem Unglauben,

ist dieser Satz nicht paradox, der uns in diesem Neuen Jahr als Jahreslosung gegeben ist.

Paradox und zunächst vielleicht auch unverständlich.

Sind Glauben und Unglauben nicht zwei völlig verschiedene Dinge, so diametral entgegengesetzt wie Feuer und Wasser oder Liebe und Hass oder Kalt und Heiß.

Glaube und Unglaube, da spalten sich doch die Geister. 

Da fuhr vor einiger Zeit ein Bus durch Deutschland mit der Aufschrift: 

„Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott"

Der Bus war in Berlin gestartet und fuhr durch ganz Deutschland um für den Atheismus zu werben.

Ihren Ursprung hatte die Buskampagne in London. Dort sorgte die Werbekampagne "There is probably no god" (Wahrscheinlich gibt es keinen Gott) auf Linienbussen für Aufsehen. Die Buskampagne wollte die Idee nach Deutschland bringen – auf jedem Linienbus sollte die Botschaft zu lesen sein – sie hatte die Rechnung aber ohne den Nahverkehr gemacht: Nicht nur die Verkehrsgesellschaften auf dem Lande lehnten die Aktion aus "weltanschaulichen Gründen" ab, selbst im gottlosen Berlin befürchtete man Beschwerden der Fahrgäste. Mit Hilfe von Spendengeldern hat die Buskampagne dann einen eigenen Doppeldecker gemietet, der durch deutsche Städte tourte.

Letztes Jahr wurde die Bustour mit einem neuen Slogan wiederholt, diesmal stand in großen Lettern auf dem Doppeldecker: „Kirchenstaat nein danke“ und die Initiatoren riefen zum Austritt aus der Kirche auf.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ebenfalls durch Spendenmittel organisierten Christen einen großen Bus mit der Aufschrift: „Und wenn es ihn doch gibt…“ Und darunter war eine Internetadresse zu lesen mit dem Titel gottkennen.de.

Immerhin, in der Zeitung konnte  man lesen, dass die beiden Initiativen mit ihren Bussen auch zeitweise am gleichen Ort erschienen und miteinander von gegenseitigem Respekt getragen über ihre konträren Glaubenseinstellungen diskutierten.

Glaube oder Unglaube

In diesem neuen Jahr 2020 werden in Deutschland gerade noch 50 % der Bevölkerung einer Kirche angehören. In den westlichen Bundesländern vollzieht sich ein Trend hin zur Entchristlichung, der in den östlichen Bundesländern schon lange vorherrscht. Es liegt im Trend, sich als „religiös unmusikalisch“ oder als Agnostiker zu bezeichnen, wenn man nicht gleich das Kind in der Krippe gänzlich mit dem Bade ausschütten möchte.

Vielleicht ist es dieser gesellschaftliche Zwiespalt zwischen Glauben und Unglauben und eine verbreitete Tabuisierung der Glaubensfrage, die sich längst auch im kulturellen oder politischen Alltag niederschlägt, die dazu bewogen hat, diesen Satz aus dem Markusevangelium zur Jahreslosung zu machen. Gibt es Politiker, die sich noch offen zum Christentum bekennen, oder haben manche schon Angst, gerade deshalb nicht von einer Mehrheit gewählt zu werden? So bezeichnete sich jüngst der Vorsitzende einer gerade stark wachsenden Partei in einem rhetorischen Spagat als säkularer Christ, der nicht an Gott glaube, aber die Werte des Christentums teile. Sind Personen des öffentlichen Lebens noch bereit über ihren persönlichen Glauben zu sprechen und einen Standpunkt zu beziehen oder fürchten sie, öffentlich belächelt zu werden und Opfer eines multimedialen Shitstorms zu werden?  Und wie soll in einer solchen Stimmung, in der in den allgegenwärtigen Talkshows oder bei Dieter Nuhr und Kollegen die Religion nur noch im Zusammenhang von Extremismus und Pädophilie thematisiert wird, ein Heranwachsender noch zu einem persönlichen Glauben finden oder geschweige dazu einstehen und sich bekennen. Das braucht ziemlich viel Rückgrat. 

Die „Gretchenfrage“ ist zweifellos virulent. Schon Goethe ließ in seinem Faust zwei unterschiedliche Figuren mit zwei unterschiedlichen Einstellungen zum Glauben aufeinander treffen, hier das einfache Mädchen mit festem Glauben aus traditionsbestimmten Verhältnissen und dort der Gelehrte, der im Sinne einer ziemlich schwammigen Spiritualität den überlieferten Glauben ablehnt. Jedoch was zur Zeit Goethes noch wenigen aufgeklärten wissenschaftlichen Geistern vorbehalten war, ist heute weitaus zu einem Mainstream geworden, der sich der naturalistischen Schlagwörter bedient, ohne sich jedoch wie Faust die Mühe zu machen, sich an der Gottesfrage abzukämpfen. 

Der Mensch, den wir auf dem Bild von Stefanie Bahlinger sehen, befindet sich in diesem Strudel der Zeit. Oder ist es ein Sog, von dem er mitgerissen wird ?  Meinungsforscher sagen dazu „Trend“. Hin und hergerissen und durchgeschüttelt von den unterschiedlichen Wahrheiten, die ihn drehen und wenden. Und dass die vielen Wahrheiten, die uns über die multimediale Welt erreichen, auch „fake news“ sein können, macht das Ganze noch schwieriger. „Was kann man denn überhaupt noch glauben?“  Der gegenwärtige Glaube ist ein stark angefochtener Glaube, angefochten und beschädigt auch durch das Versagen kirchlicher Vertreter, die ihre Macht immer wieder missbraucht haben, nicht nur gegenüber unschuldigen Kindern, auch gegenüber den Gläubigen, die durch Dogmen und Lehrmeinungen zum „Kirchenvolk“ degradiert wurden. Angefochten auch durch eine Wissenschaft, die, meist ohne es zu wollen, den Menschen suggeriert, dass diese Welt keine Geheimnisse mehr habe und dass Geist und  Seele nur als biochemische Reaktion zu beschreiben seien. Und angefochten auch durch die multimediale Verbreitung von Gewalt und Hass, von fake news, von neuem Nationalismus und Rassismus, deren Logiken allem, was wir an christlichen Glaubensinhalten verinnerlicht haben widerstreben. 

Glaube oder Unglaube, diese Frage macht viele ratlos und letztlich indifferent, unentschlossen.

Der Slogan am Bus der Atheisten aus Berlin hat den Wortlaut:

„Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott"

Und die christliche Entgegnung lautet: „und wenn es ihn doch gibt“

Da gibt es also noch Spielraum in der Auseinandersetzung zwischen Glauben und Nichtglauben, da gibt es keine Beweise und Gegenbeweise und keine absolute Gewissheit. 

Die moderne Welt ist ziemlich kompliziert und die Frage nach Gott ist es nicht weniger. So paradox es klingen mag: Unseren Glauben in dieser verworrenen Welt  finden und ihn festigen gelingt nur, wenn wir mit offenen Händen um ihn bitten, manchmal auch um ihn ringen. Denn letztlich ist der Glaube keine denkerische Gehirnleistung sondern ein Geschenk. Ein Geschenk, das mir hilft, im Strudel der Meinungen nicht unterzugehen, ein Geschenk, das mir hilft, mein Woher und mein Wohin zu kennen, ein Geschenk das mir hilft Werte, die dem Leben dienen, zu erkennen, zu verteidigen und zu leben

Ein wenig Vertrauen, dass mir die Hände gefüllt werden und dass ich meinen Standpunkt in dieser verworrenen Welt finde, brauche ich vorher aber schon. Deshalb diese sonderbare Bitte:

Ich glaube, hilf meinem Unglauben!

 

Motiv: Stefanie Bahlinger, Verlag am Birnbach